Herausforderungen und Unabhängigkeit

Aus der Werkstatt-Gazette No. 4

Katrin Moser und Verena Fink - 06. 02. 2012

“Hilf mir, es selbst zu tun“  (Maria Montessori)

 

Dieser seit hundert Jahren durch Maria Montessori geprägte Kernsatz ist die Grundlage unserer Arbeit mit den Kindern. Hintergrund dabei: Kinder müssen eigene und echte Erfahrungen machen und vor allem auch, dass sie autonom sein bzw. werden wollen.


In unserer modernen Gesellschaft ist dieses Machen von grundlegenden Erfahrungen in „echten Situationen“ jedoch immer weniger möglich, weil Gesetze dies unmöglich machen, verunsicherte Eltern es nicht ermöglichen wollen und können und die Städte keinen entsprechenden Raum bieten, um sich auszuprobieren. „So wachsen Kinder in der Atmosphäre von Treibhäusern heran, ständig überwacht und geregelt, damit nicht per Zugluft etwas von außerhalb eindringt.[…] Um ein Bestehen außerhalb dieser Glashaus-Welt wenigstens ansatzweise zu ermöglichen, existieren kurzfristige Adaptionsprogramme. Das Leben-Lernen wird ins Erziehungslabor verlagert, mit speziellen Übungsreihen, kybernetisch aufgebauten Informationssequenzen und studiertem Fachpersonal“  (Wunsch, Albert: Die Verwöhnungsfalle. Für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit. München 2000. S.33)


Wo bekommen Kinder Zeit und Raum, um echte Erfahrungen zu machen? In der Schule ist die Zeit und das Lernpensum klar vorgegeben, echte Erfahrungen werden in den wenigsten Fällen gemacht, es beibt beim geordneten Unterrichtsverlauf und vorwiegend der Wissensvermittlung.

Im Kindergarten fehlt es oft an den Strukturen, von denen der Kindergarten-Alltag früher geprägt war, das „offene Konzept“, das heute meist vorherrscht, hat zur Folge, dass die Kinder vor allem Spaß haben sollen, sich „frei“ entwickeln können und die Umsetzung von Erziehung (und damit einhergehend dem Initiieren von Erlebnissen und Erfahrungen, die das Kind in seiner Entwicklung fördern), erst bei Auffälligkeiten weiter an Eltern oder Therapeuten delegiert wird.

In der Freizeit werden Kinder vor allem in „Kurse“ gefahren. Dabei geht es – ähnlich wie in der Schule – um Wissensvermittlung. Kinder in unserer Welt bewegen sich nicht mehr, weil sie sich bewegen wollen, rennen und laufen, sich mit anderen messen wollen. Sie bewegen sich, um im Fußballverein, beim Tennis, im Ballett, und – ja, auch das – beim Golfspielen Erfolge vorweisen zu können. Kinder malen, formen, bauen, gestalten nicht mehr, weil es ihnen ein Grundbedürfnis ist, sondern sie gehen in Tanzkurse, Singstunden, Schauspielunterricht, Malkurse und Töpferstunden, um singuläre Techniken zu erlernen.

 

Je häufiger Erwachsene für Kinder handeln, umso tiefer brennt sich diese Erfahrung ins Gedächtnis des Kindes ein und umso mehr wird es dadurch der Gelegenheit beraubt, seine eigene Stärke zu erleben. Wenn wir Kinder erziehen und auf ihr zukünftiges Leben vorbereiten wollen, ist es wichtig, ihnen diese eigenen Erfahrungen nicht zu vereiteln. Maria Montessoris Prinzip, das „Hilf mir, es selbst zu tun“, ist also ein Prinzip, das die Kinder auf ihre Unabhängigkeit als Erwachsene vorbereitet: „Wer bedient wird, statt dass man ihm hilft, nimmt in gewissem Sinne an seiner Unabhängigkeit Schaden.“  (Montessori, Maria: Gesammelte Werke 1. Die Entdeckung des Kindes. Herausgegeben und bearbeitet von Harald Ludwig. Freiburg 2010. S.70)


Auch Momente, die scheinbar wie „Niederlagen“ aussehen, also Momente, in
denen die Kinder „scheitern“, bieten ausreichend Ansatzpunkte zum Dabeibleiben. Die Vorgehensweise, mit der man gescheitert ist, kann also
ausgeschlossen und eine neue ausprobiert werden. Hinweise auf andere
Vorgehensweisen und Ermutigung ermöglichen das Aufgreifen neuer Aufgaben, das Lösen von Konflikten und Problemen, das Zugehen auf Neues. Von Ermutigung getragen, können neue Herausforderungen, neue Aufgaben bewältigt werden, können Kinder ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen kennen lernen, können somit konsequent an den Erfahrungen lernen und wachsen, können schlussendlich Kreativität entwickeln.


 Die stärkste Ermutigung erfahren Kinder immer dann, wenn sie Verantwortung übertragen bekommen und sie angemessenen Herausforderungen gegenüberstehen. Für Kinder ist jedes geschaffene Werk ein Erfolgserlebnis.
Darum ist die Würdigung und Achtung durch Erwachsene sehr wichtig, denn dadurch verstärken wir das Erfolgserlebnis. Die Anerkennung bestärkt die Kinder in ihrem Selbstwertgefühl und bekommt somit einen Ansporn für weitere kreative Werke. Doch auch hier geht es um eine angemessene Herausforderung und Würdigung. Wenn der Erwachsene alles gut findet, was das Kind schafft, so greift er den Entwicklungswillen des Kindes nicht auf und vereitelt somit den Prozess des Selbständigwerdens. Wird Kindern nichts zugetraut, wenn keine Erfahrungen mit Anforderungen gemacht werden und nicht gelernt werden konnte, auch Misserfolge zu verarbeiten, entsteht die Angst, Anforderungen jedwelcher Art nicht gewachsen zu sein. „Wird Menschen nichts zugetraut, erleben sie sich als Nichts, wird ihnen alles nachgetragen, müssen sie sich als der Mittelpunkt der Welt fühlen. Mit Aggressionen ist zu rechnen, wenn andere diese Rolle nicht anerkennen oder sogar mit demselben Anspruch auftreten.“  (Wunsch, Albert: Die Verwöhnungsfalle. Für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit. München 2000. S.23)

 

Dies wiederum führt zu einem mangelnden Selbst-Verständnis, einer mangelnden Selbst-Sicherheit.

 

Im Sinne einer Autonomiebildung müssen Kinder konstruktive Erfahrungen in folgenden Bereichen machen: (zitiert nach Speck, Otto: Chaos und Autonomie in der Erziehung. Erziehungsschwierigkeiten unter moralischem Aspekt. München und Basel 1991. S.135-140)

» Eigenaktivität

seine Umwelt und sich selbst kennen lernen und erproben
» Eigenkompetenzen

seine Fähigkeiten zu Fertigkeiten ausbauen
» Eigenräume und Eigenheiten

Notwendigkeit eines geschützten Raumes, in den keiner eindringen kann, Respektierung der individuellen Eigenheiten
» Eigene Gefühle

die Möglichkeit, sich anders als die Bezugsperson zu fühlen und zu äußern
» Eigener Wille

erfordert eine wohlwollend begleitende Autorität ohne Überfürsorge
» Erfahrung von Gerechtigkeit
» Achtung der eigenen Würde
» Eigener Lebenssinn

der Einzelne muss seine eigene Form, seine eigene Ausprägung finden können


Durch den Mangel an eigenen Erlebnissen und Erfahrungen, durch die immer üblicheren Erfahrungen von Erlebnissen über Medien, trauen sich Kinder einerseits immer weniger zu und scheitern andererseits an einfachsten Aufgaben.


Da oftmals weder Eltern noch Erzieherinnen in Kindergärten oder Lehrer in Schulen die Zeit haben, oder das tatsächliche Problem erkennen, werden Diagnosen gestellt und Therapien aus dem Hut gezaubert. „Diese Kinder sind dann kurze Zeit später auf Grund motorischer Auffälligkeiten in ergotherapeutischer Behandlung wieder zu finden oder nehmen psychomotorische Bewegungsgruppen in Anspruch. Es mutet wie ein schlechter Witz an, dass diese Kinder oft ganz selbstverständlich mit dem Auto zur Therapie gefahren werden, in der sie dann lernen sollen, wie sie in Bewegung kommen können. Und nachdem der Therapeut versucht hat, diesen Lernerfolg zu erzielen, wird dieser durch den Rücktransport per Auto dann auch gleich wieder ad absurdum geführt.“

(Winterhoff, Michael: Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit. München 2008. S.120)


Kinder wollen echte Kompetenzen haben, die sich in Konkretes umsetzen lassen. Es sind also die echten Erfahrungen, die eigenen Erfahrungen und auch das Scheitern innerhalb dieser ein wichtiger Kernpunkt von Erziehung.